Pockau 1988
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Pockau 22.07. - 07.08.1988 (17 Tage)

Fotos 1988 ]

Der folgende Text würde eigentlich seit 1988 im Internet stehen. Weil es das noch nicht gab, schrieb ich ihn 20 Jahre später von kariertem Papier ab:

Mein 12. Ferienlager und seine Vorgeschichte

Es begann am 20. Juli 1988 auf dem Freitaler Busbahnhof. Ich saß da mit einem Koffer und einer großen Tasche. Bei dem Sonnenschein war ich schon ins Schwitzen gekommen. Dabei hatte ich nur das zum Leben notwendige eingepackt. Sachen für gutes und schlechtes Wetter und etwas Literatur über die Gegend. Die Dinge, ohne die ich in den vorangegangenen Ferienlagern nicht ausgekommen wäre, habe ich zu Hause gelassen. Ich meine damit Diskozubehör. Ein paar Kleinigkeiten, wie eine Kassette oder ein Diodenkabel hätte ich bestimmt noch tragen können, aber ich hatte nicht mal einen Lötkolben mit. Auch für mein großes Hobby, den Computer hatte ich absolut nichts mit, obwohl ich vermutete, daß in einem Ferienlager von Robotron-Meßelektronik einige Kleincomputer vorhanden sind. Ich ließ alles auf mich zukommen, ich wußte von nichts, ich konnte froh sein, daß ich bei einem Anruf bei Kollegin Weichelt wenigstens die Abfahrtszeit erfahren hatte.

Es kam der Bus, der 20 min vorher in Dresden losgefahren war. Er war schon voll, aber ich passte noch rein. Im Gang stehend schaute ich in alle Gesichter, denn hier saßen mehrere Leute, die das selbe Ziel hatten, wie ich. Ich kannte keinen, wußte nicht wie viele es sind und in welchem Alter. Beim Umschauen konnte ich mich auch für niemanden entscheiden.

Nach 40 min hielt der Bus in Freiberg. Meine Erinnerungen schwebten zurück. Hier hatte vor Jahren die Zeit begonnen, wo ich zum Personal des Ferienlagers gehörte, obwohl ich erst 12 Jahre alt war. Meine Eltern hatten sich aufgrund einer Annonce in der Betriebszeitung beide als Gruppenleiter gemeldet. Auch meine 5 jährige Schwester durfte mit fahren. Unsere Familie bereitete sich gut vor. Mein Vater startete eine Bastelaktion, sie später nie mehr so erfolgreich war. Ich hatte auch eine wichtige Aufgabe. Ich war Magaziner. Die gesamte Ausgabe von Sportgeräten, Büchern, Bastelmaterial und was noch so alles auszuleihen war, ging nur über mich. Ich führte genau Buch und machte das sehr gewissenhaft. In Freiberg gab es noch eine Besonderheit. Es war das bisher einzige Ferienlager, wo es gemischte Gruppen gab.

Unsere ganze Familie war so begeistert, daß wir weitere 5 Jahre regelmäßig in ein Ferienlager fuhren. Die Orte waren Panschwitz, Neuruppin und Torgelow. Im gleichen Jahr, wo ich in Panschwitz war, hatte ich die große Gelegenheit 3 Wochen nach Moskau in den Partnerbetrieb ins Kinderferienlager zu fahren. Über diese Reise habe ich einen ausführlichen Reisebericht verfaßt.

In Torgelow wurde ich dann als Gruppenhelfer eingestellt und für meine Arbeit auch bezahlt. Nach dem 1. Lehrjahr wurde ich von meiner Lehrstelle, der Signal- und Fernmeldemeisterei Dresden Friedrichstadt für die Arbeit als Gruppenleiter im Ferienlager Torgelow des VEB Verpackungsmaschinenbau freigestellt.

In allen Ferienlagern interessierte ich mich ungeheuer stark für die Probleme und Verhaltensweisen der Kinder. Ich tauschte mit den Kindern zahlreiche Adressen aus und fotografierte viel. Die Bilder erinnern mich noch heute an die schöne Zeit. Die Jahre rechnete ich längst nicht mehr von Januar bis Dezember, sondern von einem Ferienlager bis zum nächsten Ferienlager. In einem solchen Jahr nahm der Briefwechsel beachtliche Dimensionen an. Von 10 Mädchen einer Gruppe im Alter von 10-12 Jahren haben mir 8 Mädchen insgesamt 29 mal geschrieben.

Ich wechselte nach der Lehre den Betrieb und ging zu meinem Vater in den Verpackungsmaschinenbau. Dort lernte ich auch viele Eltern der Ferienlagerkinder kennen, die mir sagten, daß die Kinder wieder mit mir fahren wollen. Endlich war es soweit, ich hatte den 18. Geburtstag hinter mir und konnte Gruppenleiter sein. Mein Wunsch, die Mädchen in die Gruppe zu bekommen, die mir schrieben, wurde erfüllt. Ab diesem Jahr war ich auch ohne Eltern im Ferienlager. Da stand ich nun da als Erzieher. Mit Respektsperson war natürlich nichts zu machen. Ich fühlte mich voll als Mitglied der Gruppe und machte alle Späße bis zu einem gewissen Grad mit. Mädchen im Alter von 9-12 Jahren hängen irgendwie immer an mir. Dazu brauche ich gar kein Ferienlager. Jedenfalls taten sie dort alles, was ich wollte, mirzuliebe.

Mein Lieblingskind aus dieser Zeit hieß Astrid. Ich habe sie beim Abschlußfest fotografiert. Dieses Bild wurde in der Betriebszeitung "nagema impuls" veröffentlicht. Jetzt hat sie gerade die Lehre beendet und ist Leiterin der Jugendredaktion dieser Betriebszeitung.

In den folgenden Jahren wurde es etwas ruhig mit dem Ferienlager. Ich war als 3-schicht Arbeiter als einziger Elektroniker für die hochproduktiven NC- und CNC- Fräsmaschinen unabkömmlich. Nur noch einmal gelang es mir ins Ferienlager Zwönitz zu fahren. Das erfolgte auf Weisung von ganz weit oben. Wir hatten dort außer unseren Kindern eine polnische Gruppe zu Gast.

Es kam die Zeit, wo ich die NC Maschinen kannte, die Schichtarbeit nicht mehr leiden konnte und vielleicht mal studieren wollte. Die Gelegenheit bei Robotron Meßelektronik zu arbeiten und zum Studium delegiert zu werden nutzte ich.

Gleich am Anfang der Betriebszugehörigkeit wurde ich zur Armee einberufen. Dadurch gingen 2 Sommer und 2 Ferienlager verloren. Der nächste Sommer aber nahte und ich wollte eigentlich nicht bei der Hitze jeden Tag auf Arbeit rennen, zumal meine Anwesenheit hier sowieso nicht entscheidend ist. Ich bewarb mich also im Juni als Gruppenleiter für ein robotron Kinderferienlager und wurde für Pockau eingesetzt. Als ich meinem Chef den Freistellungsantrag zeigte, hatte ich den Eindruck, daß er sogar froh darüber ist.

Zur Schulung am 14.6. lernte ich Leute von der Betriebsleitung und BGL u.s.w. kennen, aber die mich interessierten, lernte ich nicht kennen.

Nun sitze ich hier im Bus auf dem Weg nach Pockau und wieder sind hier Leute, die auch in dasselbe Ferienlager fahren und ich kenne keinen. Eine Minute nach dem Mittag begann die Entscheidung. Der Bus hielt an der Zentralhaltestelle Pockau. Mehrere Leute stiegen aus und ich guckte mich wieder um. Endlich etwas bekanntes. Es waren die Buchstaben "robotron Meßelektronik" an der Tür eines blauen Barkas. Dort ging ich auch hin. Weil ich etwas langsam im Denken bin, waren die Sitzplätze schon alle belegt. Außer mir war noch ein Mädchen übrig, das offensichtlich auch dazu gehörte. Wir beide setzten uns hinten in den Gepäckraum das Barkas gegenüber auf die Radkästen und guckten uns an. In diesem Moment begann für mich eine Zeit, wo alles von vorn beginnen konnte. Niemand kannte mich, keiner war da, der sagen konnte: Nanu, so was kennen wir doch von Dir gar nicht. Meine Hobbys, die mich sonst ablenkten, waren vollständig zu Hause geblieben. Ich war praktisch wie neugeboren. In diesem Moment kam es voll auf mich an. Hier konnte für mich ein neues Leben beginnen. Das begriff ich ausnahmsweise blitzschnell und ich verhielt mich so, wie ich wirklich bin.

Also fragte ich das nette Mädchen, das mir gegenüber saß, wo wir jetzt hin fahren. Sie sagte zweimal rechts rum und dann einmal links rum. Sie kannte sich also schon aus im Ort. Dann standen wir vor dem Speisesaal vom Betriebsteil Pockau. Meine innere Unruhe hatte sich auf den Magen gelegt und deshalb kostete ich nur mal von der Kartoffelsuppe mit Bockwurst. Diese Erscheinung hatte ich befürchtet und nach dem Essen war ich wieder voll drauf. Es ging zu Fuß ins Ferienlager. Dieser Weg mußte danach drei mal täglich zu den Mahlzeiten hin und zurück gelaufen werden. Endlich wurden die zahlreichen anwesenden Personen vorgestellt. Ich konnte mir bloß nicht so schnell alles merken. Das wichtigste waren die Gruppenleiter und die aus mehreren Personen bestehende Lagerleitung. Besonders aufgefallen war mir noch die zukünftige Krankenschwester, sie war 18 Jahre alt und hieß Daniela. Ich behielt sie erst einmal im Auge.

Es folgte die Verteilung der Gruppen. Schon vergeben waren die kleinen Mädchen an Monika Müller. Das war offensichtlich die älteste aus der Kategorie Gruppenleiter. Ich entschied mich schnell für die großen Jungs, was ich eigentlich selbst nicht von mir erwartet hätte. In früheren Ferienlagern hingen die Mädchengruppen immer an mir und da hätte ich gleich eine Mädchengruppe nehmen können. Doch die Entscheidung erwies sich später als richtig. Die großen Jungen ließen mich in Ruhe und waren auch so selbständig, daß ich nicht beim Schuhe zubinden oder Betten machen helfen mußte. Und die Mädchen waren ja trotzdem nicht außer Reichweite. Die kleinen Jungen wurden an Mike vergeben und 2 Gruppenleiter fehlten noch. Es waren ja auch noch 2 Tage Zeit, bis die Kinder anreisten.

Hier war die Original Geschichte aus dem Jahr 1988 zu Ende.

Ebenfalls erhalten sind Entwürfe von Briefen, die ich nach dem Ferienlager ein Jahr lang an Nora Müller geschrieben habe. Für mich war es Liebe...

Im Jahr 2008 habe ich aus Erinnerungen folgendes geschrieben: www.elssner.de/?pockau


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© Lutz Elßner ° elssner@interdev.de